Unsere Geschichte

Im Jahr 1919 nahm der Siegburger Ortsverein der SPD seine Arbeit auf, als erste „ordentliche“ Mitgliederversammlung ist im damals neu angelegten Protokollbuch der 25. Mai 1919 notiert. Dies, sozusagen der eigentliche Arbeitsbeginn, ist denn auch der Anlass für unsere Feier heute rund 100 Jahre später. Wie bei der Bundes-SPD – unsere Partei beruft sich auf die Gründung des „Allgemeinen Deutschen Arbeiter Vereins“ (ADAV) am 23.Mai 1863 in Leipzig, daneben werden auch andere Daten genannt – gibt es für die SPD Siegburg zwei andere interessante Daten. Bei der Vorbereitung der Ausstellung zum 60. Geburtstagstag der Siegburger SPD wurde eine kleine Zeitungsnotiz über eine „Vereinsgründung“ am 13. Dezember 1918 entdeckt, die „diesbezügliche Organisation“ zählte danach schon zwei Tage später 500 Mitglieder, berichtete die Siegburger Zeitung. Das war beeindruckend und zugleich typisch.

Vor dem 1. Weltkrieg war der spätere Reichstagswahlkreis Waldbröl-Sieg für die SPD eine Diaspora. Das lag zum einen an den ländlichen Strukturen der meisten Gemeinden, zum anderen an den rigorosen Beschränkungen für Gewerkschaften und Sozialdemokraten in den Industriebetrieben, insbesondere in den für Siegburg so wichtigen Königlichen Werken. „Die Arbeiterschaft wurde bei der Einstellung auf kaisertreues Verhalten geprüft“ (aus: Festvortrag Dr. Andrea Korte-Böger), diese gezielte Auswahl tat sicher sehr oft – aber eben auch nicht immer und auch nicht auf Dauer – die gewünschte Wirkung. Dabei verstärkte die strenge Führung der Werke durch preußische Offiziere konformes Verhalten. „Mitgliedschaft in Gewerkschaften und demokratischen Parteien wurde mit fristloser Entlassung geahndet, schon oppositionelle Äußerungen reichten zu betrieblichen Strafmaßnahmen aus“ (aus: 60 Jahre SPD in Siegburg).

Im Jahr 1910 ging die zuständige Parteileitung für die preußischen Rheinprovinzen die Situation mit der Gründung des „Sozialdemokratischen Verein Obere Rheinprovinz“ an, der die Gründung von Ortsvereinen vorbereiten sollte. Bis Kriegsbeginn 1914 gelang das nicht, und im Krieg schon gar nicht, aber mit Gründung der Weimarer Republik brachen die Dämme[1] und es konnten in schneller Folge sozialdemokratische Ortsvereine im Rhein-Sieg-Kreis gegründet werden, neben Siegburg z.B. in Eitorf, Hennef oder Königswinter.

Das zweite Datum, das im Zusammenhang mit dem Jubiläum der SPD Siegburg Relevanz hat, betrifft den Siegburger „Arbeiterphilosophen“ Josef Dietzgen (1828-1888), der schon 1869 SPD-Mitglied wurde und am Eisenacher Parteitag teilnahm. Dietzgen war in Siegburg als (gutsituierter) Lohgerber tätig, seine Leidenschaft waren aber Politik und Philosophie, wie eine ganze Reihe von Aufsätzen und ein reger Briefwechsel bezeugen. Zu den Aktivitäten vor Ort finden sich einige Angaben. Dr. Bernhard Bußmann fand Quellen, nach denen sich Sozialdemokraten ab etwa 1870 regelmäßig zu Versammlungen im Gasthof „Driescher Hof“ trafen. Ins Bild passt sicher, dass Dietzgen Präsident der 1862 gegründeten Siegburger Gesellschaft für wissenschaftliche Unterhaltung war. 1864 war er Mitgründer der Internationale Arbeiterassoziation (Duden: -vereinigung, Vorstellungsverknüpfung), die sich unter anderem um die Arbeiter der Siegburger Kattunfabrik und der Friedrich-Wilhelms-Hütte bemühte. Angesichts von rund 200 Arbeitern, die die Kattunfabrik damals beschäftigte, und die darüber hinaus großen Teils Nebenerwerbslandwirte waren, war der Erfolg dieser Bemühungen sicher begrenzt. Der Siegburger Bürgermeister berichtete jedenfalls, möglicherweise überrascht und – hoffentlich – nicht ganz im Bilde, auf eine besorgte Anfrage aus Berlin hin, dass es nur diesen einen Sozialdemokraten gäbe, „der zurückgezogen als Lohgerber lebe und gelegentlich für die Sozialdemokraten schreibe“.

Mitte 1919 begann man nun in Siegburg mit der politischen Arbeit im neuen Partei-Rahmen. Was die Partei damals im Einzelnen alles machte, ist kaum beschrieben. Einmal ist das erwähnte Protokollbuch bisher nicht ausgewertet worden, weil heute schlicht und einfach kaum noch jemand Sütterlin lesen kann. Andere Unterlagen wurden größten Teils im Dritten Reich beschlagnahmt und vernichtet.

Typisch dürfte eine der ersten Sitzungen des 1919 neugewählten Stadtrats gewesen sein, bei der die frisch gewählten Genossen zu Themen wie Lebensmittelversorgung, Kriegshinterbliebenen-Versorgung, kostenlose Schulbücher und Personaleinstellung „agitierten“ (wie die Siegburger Zeitung naserümpfend titelte). Neben solchen, nach dem Krieg zu erwartenden Themen, kümmerte sich die Partei um politische Bildung (Bericht aus dem Reichstag, Frauen-Wahlrecht, aber auch Heine-Abend) und organisierte Tanzveranstaltungen (z.B. Maifeiern).

Typisch, ja, aber sicher nur für die ersten Jahre der Weimarer Republik. Schon bald änderte sich das gesellschaftspolitische Klima entscheidend. Im Grunde Muss man am Ende der Weimarer Republik von bürgerkriegsähnlichen Zuständen sprechen, wobei die Genossen wohl kein Kind von Traurigkeit waren. Schon 1923 kämpften Siegburger Sozialdemokraten mit Waffen, die sie versteckt hatten, in der heute weitgehend vergessenen „Schlacht am Aegidienberg“ gegen Koblenzer Separatisten, die mit Förderung durch die Franzosen aus dem besetzten Rheinland einen Pufferstaat zwischen Preußen und Frankreich bilden wollten (Quelle: 50 Jahre Ortsverein Siegburg). 1926 wurde dann die Siegburger Sektion des Reichsbanners „Schwarz-Rot-Gold“, dem politischen Wehrverband zum Schutz der demokratischen Republik, gegründet.

Ende der zwanziger Jahre zogen bei einem Reichsbannertreffen des Bezirks Mittelrhein nicht weniger als 15.000 uniformierte Kämpfer des Reichsbanner durch die Straßen der Stadt. Im Michelshaus trafen sich die Reichsbannerleute regelmäßig‚ um durch wehrsportliche Übungen die Einsatzbereitschaft der Organisation zu stärken.

Über das Volkshaus, dem Mittelpunkt des sozialdemokratischen Lebens in Siegburg und ständigem Angriffsziel der Nationalsozialisten, und über den sogenannten Volkshaus-Prozess ist schon zu anderen Gelegenheiten berichtet worden. 16 Verteidiger des Volkshauses wurden 1933 für einen ihnen untergeschobenen Mord an SS-Mann Franz Müller zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt und später, 1935, nachdem neun SS-Leuten Meineide nachgewiesen werden konnten, freigelassen. Das war ein Wunder, das im Dritten Reich nicht oft passierte. Stattdessen heißt es in Berichten: 26 Personen in Schutzhaft, 38 Personen in Schutzhaft, KPD-Funktionär Josef Büllesfeld ist ins Elsaß geflohen und Frau sowie 1 Sohn in Schutzhaft genommen, zehn SPD-Leute im Laufe des Monats dazu gekommen.

Unter den am 13. März 1933 in Schutzhaft genommenen ist auch der SPD-Vorsitzende und Klöckner-Mannstedt-Betriebsrat Karl Pierkes, der – wie viele andere exponierte SPD-Repräsentanten und Gewerkschafter – 1944 nach dem Attentat auf Hitler erneut verhaftet wird und 1945 auf dem Todes-Marsch vom Konzentrationslager Sachsenhausen nach Bergen-Belsen zusammen mit vielen anderen Mithäftlingen aufgrund von Unterernährung und völliger Schwäche umkommt. Bedrückend ist, wie seine Frau Nachricht von seinem Tod erhält. Ein Mithäftling schreibt ihr: „Bei dem Todesmarsch ab 21.4.45 – 2.5.45 habe ich viele, sehr viele sterben sehen, vor Ermattung. Nur die, welche Jahre im KZ waren und gewisse Lagererfahrung hatten, konnten den Entbehrungen und Strapazen Widerstand leisten. Und trotzdem hätte es auch bei mir nicht 2 Tage länger dauern dürfen. Also liebe Frau Pierkes, auch Sie müssen sich mit dem Schrecklichen abfinden, dass Ihr Gatte ein Opfer des KZ geworden ist.“

Heute wird der Ton in diversen Auseinandersetzungen rau und rauer. Nicht nur bei uns. Es gibt politische Morde und Morddrohungen. Im täglichen Leben machen mittlerweile nicht wenige eigene Erfahrungen mit Shitstorms. Und – angesichts des steigenden emotionalen und psychischen Aufwandes, den diverse Auseinandersetzungen erfordern – äußern sich viele in kürzlich gemachten Umfragen, dass man vorsichtig mit dem sein muss, was man sagt. Wir haben gottseidank einen funktionierenden Rechtsstaat und dennoch beschleicht einen angesichts der skizzierten Verhältnisse nach 1933 ein ungutes Gefühl, wenn man heute wieder zu Zivilcourage ermutigen muss.

1945 nahm der Siegburger Ortsverein seine Arbeit wieder auf. Vor Ort in Siegburg ging es nach dem 2. Weltkrieg zunächst wieder darum, Hunger und Mangel an allen Enden zu überwinden, Flüchtlinge und Vertriebene unterzubringen … und dabei zu helfen, aus Siegburg ein modernes Gemeinwesen zu machen. Schon bald standen aber auch neue Themen auf der Tagesordnung, die zum Teil heute noch große Bedeutung für die Stadt haben. Zu nennen sind die Konzentration der Wirtschaftsentwicklung auf die „Einkaufsstadt Siegburg“, die Stadtsanierung (in der Holzgasse), der Bau und Ausbau der Fußgängerzone, die Entwicklung des Krankenhauses, der Bau von Stadtbibliothek, Stadtmuseum und Rhein-Sieg-Halle, die Ausstattung der Schulen und insbesondere die Einrichtung einer Gesamtschule, Rathaus-Bau bzw. Rathaus-Sanierung und – immer wieder und auf immer höherem Niveau – der städtische Schuldenstand. Siegburg ist nun schon seit Jahren Spitzenreiter in der Prokopfverschuldung, und hat – im Gegenzug – hohe Gewerbesteuer- und Grundsteuer-Hebesätze.

Zur Debatten- und Entscheidungskultur muss man Anmerkungen machen, denn gute und schlechte Ideen sind nicht schwarz-weiß auf die Parteien verteilt, wie es die Mehrheitsfraktionen gerne darstellen. Manchmal ärgert man sich, wenn SPD-Anträge von den Mehrheitsfraktionen erst einmal vom Tisch gewischt werden und dann nach Jahren in leicht abgewandelter und aktualisierter Form als neue, eigene Idee beschlossen werden. Manches war nach Jahren des Widerstandes überreif und auch für die CDU unvermeidlich, wie die Gesamtschule. Schließlich stellen wir mit einer gewissen Genugtuung fest, dass die CDU nach zwei verlorenen Bürger-Befragungen vorsichtig geworden ist.

error: Content is protected !!